Johann Heinrich Gillessen 80 Jahre
VON MARGRET CORDT Der Malkasten von Johann Heinrich Gillessen
Am 26. November 1990 wird Johann Heinrich Gillessen achtzig Jahre alt. Wer ihn in seinem Haus in der Eifel, in Nonnenbach hei Blankenheim, besucht, den erwartet eine Überraschung. Jubilar? Altersruhesitz? Man glaubt ihm seine Jahre nicht, wenn man dieser lebenssprühenden Persönlichkeit gegenübersteht. Aus den hellen Augen, die das Gegenüber kurz kritisch prüfen, blitzen Humor und Lebensfreude. Vitalität, ungebrochene Schaffenskraft zeichnen den Mann aus, der von sich selber sagt „Ich hab mich immer eingemischt“, und das tut er noch heute! — wenn er sich z. B. aktiv um die Situation der Bildenden Künstler in seiner zweiten Heimat kümmert. Er war und ist bis heute ein homo politicus, ein politisches Lebewesen im eigentlichen Sinn, kein Beamter der Politik, sondern „ein Wachhund, der bellte, wenn etwas nicht klappte Von dieser fruchtbaren Streitbarkeit erzählt sein Leben. Johann Heinrich Gillessen wurde in Mönchengladbach geboren. Seine Eltern — der Vater war Malermeister — wünschten für den Sohn die gesicherte Existenz eines Beamten und schickten den begabten Jungen aufs Gymnasium, wo er sich als Quartaner unter dem Eindruck der umfassend gebildeten, menschlich prägenden Persönlichkeit seines Lehrers, des Prälaten Dr. Theodor Willemsen, für den gymnasialen Zweig, das humanistische Abitur entschied. Ein ungewöhnlicher Weg für einen Bürgersohn, der nicht Arzt, Jurist oder Geistlicher, sondern Maler werden wollte. Die Eltern ließen ihn gewähren, aber seine ganze Schulzeit lang hatte der Schüler Gillessen zwei Berufe, Lernender im Gymnasium und Gehilfe seines Vaters im Handwerksbetrieb. Und lag da viel Arbeit an, so meldete Gillessen sich krank. Das kam oft vor, noch vier Wochen vor dem Abitur — trotzdem bestand er mit der Note „gut“
„Gepinselt (so nennt er seine ersten Malversuche) habe ich, soweit ich mich entsinnen kann, von Kindesbeinen an, noch nicht gemalt, aber immer so gepinselt“, und an die ersten richtigen Gemälde, die er sah, erinnert er sich lebhaft, zwei Wandgemälde im Gymnasium: eine riesige Nachtlandschaft und das Theater von Taormina. Er blieb lange auf sich selbst verwiesen. Der Zeichenlehrer des Pennälers Gillessen war kein besonders cnga gierte Pädagoge — schon der kleine Gillessen empfand ihn störend als ausgesprochen faul, was später sein Engagement als Vorsitzender des Berufsverbandes der Kunsterzieher in Nordrhein-Westfalen stark herausforderte und ihn zudem bereit machte, als Kunsterzieher an dem Neusser Gymnasium, das als erstes die gymnasiale Oberstufenreform als Projekt durchführte, engagiert und forcierend, wenn nicht gar als ihr Motor, mitzuwirken und Akzente zu setzen. Aber zum Glück gab es in Mönchengladbach seit 1922 die Walter-Kaesbach-Stiftung, in die die Klasse oft geführt wurde. Da hingen die vielen Zeichnungen und Aquarelle und Ölbilder von Heinrich Nauen und Christian Rolfs, aber auch Bilder von Heckel, Kirchner, Pechstein, Schmitt-Rottluff, Mueller, Nolde, Campendonk, Macke, Feininger— die künstlerische Avantgarde der Zeit — aber vor allem Nauen mit einer umfassenden Auswahl seiner Werke aus den Frühjahren, an die J. H. Gillessen sich noch heute besonders als eines immensen Eindrucks erinnert. Nauen war damals Professor an der Düsseldorfer Akademie und wohnte in Schloß Dillborn bei Brüggen. Trotz früher Verehrung und späterer Nachbarschaft, erst an der Akademie, dann in Brüggen, ergab sich kein Kontakt. Bedauerlich? — oder eher förderlich für den so eigenen Stil von J. H. Gillessen, den sein Lehrer Max Clarenbach unmerklich förderte und reifen ließ, ohne autoritäre Eingriffe.