Der Krieg .. - Sonderdruck Kreis Viersen 1991
Der Krieg unterbrach eine glückliche Schaffenszeit; Gillessen wurde eingezogen, das Haus musste — weil im Sperrgebiet gelegen — verlassen werden. Nach gesunder Heimkehr fand er das Haus geplündert—nur die Bilder, aus welchem Instinkt auch immer in einer Gießkanne unter dem Stall vergraben, blieben von der reichen Ernte intensiver Arbeitsjahre erhalten. Die Kritiken aus den Jahren 1936 bis 1939 verdeutlichen in Beschreibung und Anerkennung, was verloren ist. 1945, wieder in Brüggen, war der homo politicus gefragt. Die starke Persönlichkeit des bewussten Einzelgängers, der den leichten Weg immer verschmäht hatte, war gefragt. Gefragt? Nein — er mischte sich ein, wo‘s nötig war „wie ein Wachhund, der bellte ….“ . Wo war das Kriegerehrenmal von Kurt Schwippert geblieben, vom „Pastörken“ Bernhard Röttgen mit sicherem Instinkt in Auftrag gegeben und aufgestellt, von den Nazis als „unheldisch“ abgebrochen? Er fand es, und es wurde wieder aufgerichtet. Die ersten freien Wahlen nach dem Krieg — obwohl keiner „dabei gewesen“ sein wollte, schreckliches Desinteresse: Gillessen organisierte den Verein der Heimatfreunde, damit integere Männer wählbar wurden; wurde erster Volkshochschulleiter Brüggens in der 1949 von Walter Böttges gegründeten Kreisvolkshochschule; veranstaltete und gab selbst Kurse und Vorträge und Vortragsreihen zur Bildenden Kunst; organisierte Fahrten zu Theateraufführungen nach Köln, Düsseldorf, Rheydt; gründete einen Elternausschuss zur Wiederherstellung ordentlicher Schulverhältnisse; gründete die Brüggener Volksbücherei, für die er unter großen Mühen Geld in Düsseldorf locker machte; regte die Ehrenbürgerschaft fürs „Pastörken“ an; und scheiterte schließlich mit der Idee einer Gemeinschaftsschule (beider Konfessionen), die doch das einzig richtige Gebot der Stunde gewesen wäre! Gefragt: Wie kommt ein Maler dazu, sich dies alles aufzuladen, sagt Gillessen: „Ganz einfach! Was ich im Krieg gelernt habe — Verantwortung zu tragen.“ So fast nebenbei half er mit, die Künstlervereinigung „Die Planke“ zu gründen, „weil es 1948 notwendig war“. 1951 bot sich die Chance, Zeichenlehrer zu werden. Der Weg führte über Gymnasien in Waldniel und Mönchengladbach und die Werkkunstschule Düsseldorf, wo er sein Studium in Rekordzeit absolvierte, an das schon erwähnte Theodor-Schwann-Gymnasium in Neuss, das er als Studiendirektor a. D. verließ, um sich in Nonnenbach anzusiedeln. Herrliche Portraits der Eifel zeugen von seiner Altersliebe. Den einmal gefundenen Stil hat er differenziert, die Palette ist heller, strahlender geworden. Sein Beharren in der Gegenständlichkeit hat keineswegs sein kollegiales Verhältnis zu Joseph Beys berührt, mit dem er im Prüfungsausschuss für das Lehrfach Kunst saß, oder den Blick verstellt z. B. auf die Arbeiten eines Paul Klee, dessen Bauhausbücher Grundlage seines Kunstgeschichtsunterrichts in der Neusser Oberstufenarbeit war. Er hat seine Schüler vor allem kritisch sehen gelehrt, nicht auf eine oder die Richtung eingeschworen. Ich glaube, er war ein anspruchsvoller Lehrer und Kollege im besten Sinn. Zum achtzigsten Geburtstag werden in der Burg Brüggen Gemälde von J. H. Gillessen zu sehen sein, eine Auswahl aus den Bildern der Brüggener Zeit und späterer Jahre. Trotz erfolgreicher Verkäufe nach dem Durchbruch und Verlust durch Plünderung gibt es noch immer Gemälde aus jenen Jahren, die den künstlerischen Weg zur Reife miterleben lassen. Sie sind u. a. dadurch erhalten geblieben, dass Gillessen lange Jahre jede Verkaufsausstellung ablehnte, um anderen Künstlern, wie z. B. seinem alten Studienfreund Josef Kuchen, der freischaffend in Neuss lebte, nicht das Brot zu nehmen. So werden alte und neue Freunde sich am Ort des Aufbruchs treffen. 34